News

03.07.2017

„Eine WM-Medaille wäre schon ein super Erfolg“

Abbas Baraou startet als Europameister bei den WM in Hamburg und hat Gold im Visier | Interview mit DBV-Trainer Ralf Dickert

Abbas hat es tatsächlich geschafft: Europameister! Unsere Nummer 1 im Weltergewicht bis 69 Kilogramm startet als kontinentaler Titelträger in die Heim-Weltmeisterschaften vom 25. August bis 2. September in Hamburg. Es ist das erste EM-Gold für Deutschland seit 2010, als Denis Makarov (BF Bottrop) im Finale von Moskau in der damaligen Federgewichtsklasse bis 57 Kilogramm gewann. Keine Frage: Den gegenwärtigen Kurzurlaub in der Türkei hat sich Baraou nach diesem Erfolg wirklich verdient. Einen Moment völlig abschalten: das ist wichtig, um sich dann wieder fokussieren zu können. Denn der 22-Jährige Junge aus Oberhausen hat sich noch viel vorgenommen: In Hamburg will er jetzt auch Weltmeister werden, wie in vielen Medien zu lesen und zu hören war.  Während Baraou neue Kraft tankte, sprach unser Mitarbeiter Peter Jaschke mit dem Berliner Trainer Ralf Dickert.

boxing2017: Herr Dickert, zunächst herzlichen Glückwunsch zum Europameistertitel Ihres Schützlings. Hätten Sie gedacht, dass er das mit dem EM-Titel nach den Siegen beim Chemiepokal in Halle und beim Belgrade-Winner-Turnier auch noch schafft?

Ralf Dickert: Besten Dank für die Glückwünsche. Das Ziel von Abass war es eindeutig, Europameister zu werden. Obwohl ich mir der Schwierigkeit der Aufgabe bewusst war, habe ich immer an Ihn geglaubt.

boxing2017: Holt er denn jetzt auch WM-Gold?

Dickert: Es gibt nie eine Garantie für den Erfolg. Bei den WM sind weltweit noch viele weitere internationale Spitzenboxer zu erwarten. Trotzdem ist die Ausgangsposition als Europameister sehr positiv. Und auch für Hamburg ist die  Zielstellung von Abass ganz klar: Er will Weltmeister werden. Ich denke, eine Medaille wäre schon ein super Erfolg.

boxing2017: Wie kann das gelingen, wo doch manch einem anderem nach diesem Kraftakt mit insgesamt vier Turniersiegen seit den Deutschen Meisterschaften im Oktober 2016 wohl schon die Puste ausgegangen wäre?

Dickert: An Motivation mangelt es Abass nicht. Da muss man eher aufpassen, dass er sich nicht zu sehr unter Druck setzt. Trainingsmethodisch ist es nicht ganz so einfach, deshalb werden wir uns auch gesondert und sehr individuell auf die WM vorbereiten.

boxing2017: Abbas Baraou ist seit langem wieder der erste DBV-Boxer, der so konstant erfolgreich ist. Woran liegt das?

Dickert:  Abass ist sehr ehrgeizig und fokussiert auf seine Ziele, die er selbst sehr hoch ansetzt. Er lebt das Boxen und setzt sich ständig mit seiner Leistung auseinander, wobei er sehr selbstkritisch ist. Wenn er aus seiner Sicht keine gute Leistung gebracht hat, ist er erst einmal nicht ansprechbar. Dann aber ist er für eine Fehlerkorrektur per Videoanalyse sehr aufgeschlossen und versucht sofort im Training, neue Dinge umzusetzen. Weil er so bewusst arbeitet, lernt er motorische und technisch-taktische Bewegungsabläufe wesentlich schneller als andere Sportler. Seine kämpferischen und konditionellen Fähigkeiten sind außergewöhnlich. Nur so ist es auch zu erklären, dass er sich in so sehr kurzer Zeit in die Weltspitze geboxt hat.

boxing2017: Wie stellen Sie ihn mental ein, damit er nicht “durchdreht”?

Dickert: Da er sich selbst einen sehr hohen Leistungsdruck auferlegt, ist es nicht so einfach, immer Zugang zu Ihm zu finden. Aber ich denke, mit einer guten Mischung aus „in Ruhe lassen” und Hartnäckigkeit bei der Umsetzung des erarbeiteten Kampfsystems haben wir einen guten Weg gefunden.

boxing2017: Wie würden Sie ihr Verhältnis zu Abbas Baraou beschreiben: eher wie Vater und Sohn, brüderlich oder ganz anders?

Dickert: Das müssten Sie Abass fragen. Er sagt immer, ich sei sein Freund, auf den er sich verlassen könne. Aus meiner Sicht ist er einer der bewusstesten und fleißigsten Sportler, die ich je trainiert habe.

boxing2017: Was macht Abbas zurzeit außerhalb des Trainings?

Dickert:  Er hat sehr wenig Freizeit, nutzt sie aber, um ein paar Stunden mit der Familie und seinen Freunden in Oberhausen zu verbringen. Ansonsten ist er ständig am Musik hören, auch im Training.

boxing2017: Wie sieht der weitere Fahrplan aus?

Dickert: Nach seinem Urlaub geht es zum Gesundheitscheck zu unserem DBV-Verbandsarzt Dr. Mark Dorfmüller nach Ulm. Vom 9. bis 16. Juli sind wir dann im Bundesleistungszentrum Kienbaum zum konditionellen Aufbau und zur technisch-taktischen Schulung mit internationalen Partnern, unter anderem aus England und Russland. Ab dem 6. August beginnt die Sparringsphase im Bundesleistungszentrum Hennef mit weiteren hochkarätigen internationalen Partnern.

Foto: Abbas Barou (in der Hocke) | Ralph Dickert (stehend)

Auf boxing2017.com haben wir noch weitere Spitzenboxer aus dem deutschen Team für die World Boxing Championships 2017 in Hamburg vorgestellt: Artem Harutyunyan, Ibrahim Bazuev, Salah Ibrahim, Murat Yildirim, Max Keller, Omar El-Hag, Igor Teziev, Silvio Schierle, Hamza ToubaAbbas Baraou.

Folgt uns auch auf Facebook oder schaut hier regelmäßig vorbei!

Info
Die WM-Titel im olympischen Boxen werden in folgenden zehn Gewichtsklassen vergeben: Halbfliegen- (bis 49 Kilogramm Körpergewicht), Fliegen- (bis 52 Kilogramm), Bantam- (56), Leicht- (60), Halbwelter- (64), Welter- (69), Mittel- (75), Halbschwer- (81), Schwer- (91) und Superschwergewicht (über 91 Kilogramm). Als WM-Gastgeber stellt Deutschland ein komplettes Team, also zehn Starter, die automatisch qualifiziert sind.

© Peter Jaschke

sponsored by

Send this to a friend